ESD-Wissen

Themenwelt Bauteile, Schäden & Fehleranalyse

ESD-Empfindlichkeitsdaten im Datenblatt

HBM- und CDM-Angaben sind produktspezifische Device-Level-Qualifikationsdaten. Für eine belastbare Verwendung müssen mindestens Testmodell, konkrete Teilenummer beziehungsweise Revision, berichteter Withstand-Level und Quelle eindeutig sein. HBM und CDM werden getrennt geführt, nicht ineinander umgerechnet und nicht als reale Feldspannungsgrenzen interpretiert. Fehlen Daten, wird die Lücke beim Hersteller oder Lieferanten geklärt statt eine Robustheit anzunehmen.

Datenblatt ist eine mögliche Quelle – nicht automatisch die vollständige ESD-Akte

ESD-Empfindlichkeitsdaten können im öffentlichen Datenblatt, in einem Qualifikationsbericht, einer Product-Qualification-Unterlage, einer Lieferantenbestätigung oder anderen gelenkten Herstellerinformationen stehen. Für die Prozessentscheidung zählt nicht der Dokumenttyp allein, sondern ob Produktbezug, Modell, Wert und Gültigkeitsstand nachvollziehbar sind.

Mindestens Modell, Produktbezug, Level und Quelle erfassen

ANSI/ESD SP5.0-2023 adressiert genau die konsistente Berichterstattung von ESD-Withstand-Leveln auf Datenblättern. Für die interne Lenkung wird die Information so erfasst, dass spätere Nutzer erkennen können, was tatsächlich qualifiziert und berichtet wurde.

Mindestdaten für eine belastbare ESD-Empfindlichkeitsangabe
FeldBeispielWarum wichtig
Teilenummer / Produktkonkreter Orderable Partverhindert Übertragung auf ähnliche Varianten
Revision / Packagefreigegebener Produktstandgrenzt Gültigkeit ein
TestmodellHBM oder CDMModelle sind nicht austauschbar
Withstand-Level / KlasseHerstellerangabebeschreibt den dokumentierten Device-Level-Scope
Quelle / DokumentstandDatenblatt, Qualifikationsbericht, Lieferantmacht Herkunft auditierbar
Datum / Change-Standaktueller Freigabestandermöglicht Change-Bewertung

HBM und CDM als zwei getrennte Produkteigenschaften führen

Die ESDA empfiehlt, für die behandelten Geräte sowohl HBM- als auch CDM-Empfindlichkeitsdaten zu kennen. Ein HBM-Wert wird nicht als Ersatz für fehlende CDM-Daten genutzt und umgekehrt. Auch eine rechnerische Umwandlung zwischen beiden Modellen ist fachlich ungeeignet.

Qualifikationsspannung nicht als reale Prozess- oder Feldgrenze lesen

Die Spannungen standardisierter Device-Level-Prüfungen gehören zum jeweiligen Testmodell. Die ESDA weist darauf hin, dass die Korrelation zwischen Qualifikationsspannungen und statischen Spannungen im Feld schwach ist. Deshalb wird aus einem HBM- oder CDM-Wert keine zulässige Arbeitsplatz-, Personen- oder Maschinenfeldspannung abgeleitet.

Pinbezogene oder eingeschränkte Angaben nicht als Gesamtgerätewert verallgemeinern

Manche Hersteller berichten zusätzliche oder erhöhte HBM-Angaben nur für bestimmte Pin-Gruppen oder Sondertests. Entscheidend ist deshalb, ob der dokumentierte Wert für das gesamte Device nach dem Standard oder nur für einen begrenzten Pin-/Testscope gilt. Ein Teilwert wird intern nicht als pauschale Robustheitsklasse des gesamten Produkts gespeichert.

Fehlende Daten als offene technische Information behandeln

Wenn HBM oder CDM nicht berichtet werden, bedeutet das nicht, dass das Produkt unempfindlich ist. Beschaffung, Entwicklung oder Qualität klären den Status beim Hersteller beziehungsweise Lieferanten. Bis zur Klärung wird keine höhere Robustheit angenommen, nur weil der Datenblattabschnitt leer ist.

Teilenummer, Package und Revision an die Empfindlichkeitsdaten koppeln

Ein Produktname oder eine Familie kann mehrere Orderable Parts, Packages oder Revisionen umfassen. ESD-Daten werden deshalb so gelenkt, dass klar bleibt, für welchen Produktstand sie gelten. Pin-kompatible oder funktionsgleiche Alternativen werden nicht automatisch als ESD-identisch bewertet.

Second Source als neuer technischer Datensatz behandeln

Ein alternativer Hersteller kann dieselbe elektrische Funktion und Pinbelegung erfüllen, aber andere HBM-/CDM-Daten, Package-Eigenschaften oder interne Schutzstrukturen besitzen. Vor Freigabe werden Empfindlichkeitsdaten, Verpackung, Prozessschnittstellen und gegebenenfalls Kundenanforderungen gegen den bestehenden Prozess verglichen.

Second-Source-Prüfung aus ESD-Sicht
PrüfpunktAltteilNeuteil / Frage
HBMbekannter Produktwertgleich / höher / niedriger / unbekannt?
CDMbekannter Produktwertgleich / höher / niedriger / unbekannt?
Package / Pinsbestehender Handlingpfadändert sich Kontakt- oder Automationsrisiko?
Verpackungfreigegebene Lieferformbleibt Schutzkette gleich?
Kunde / Freigabebestehender Scopeist zusätzliche Freigabe erforderlich?

PCN und Herstelleränderung auf ESD-Betroffenheit prüfen

Die-, Package-, Assembly-, Fertigungsstandort-, Material- oder interne Schutzänderungen können den Qualifikationsbezug verändern. Ein PCN wird deshalb nicht nur auf Funktion und Beschaffung bewertet, sondern auch darauf, ob HBM/CDM-Daten, Verpackung oder Prozessfreigaben betroffen sind.

Lieferanteninformation mit klarer Herkunft und Freigabestatus lenken

Mündliche Aussage oder lose E-Mail kann für eine erste Klärung hilfreich sein, ist aber als dauerhafte technische Basis schwach. Relevante Empfindlichkeitsinformationen werden mit Quelle, Datum, Ansprechpartner beziehungsweise Dokument und Produktscope so abgelegt, dass Beschaffung, Qualität und Fertigung dieselbe Information verwenden.

Empfindlichkeitsdaten in die reale Prozessrisikoanalyse übersetzen

HBM-/CDM-Daten definieren nicht automatisch eine Maßnahme. Sie werden mit offenem Produktzustand, Personen-, Material-, Automations-, Test-, Verpackungs- und Servicepfaden zusammengeführt. Der empfindlichste relevante Produktzustand bestimmt, wie streng einzelne Prozessschritte kontrolliert werden müssen.

Fertigung und EMS erhalten nicht nur eine Zahl, sondern einen gelenkten Produktscope

Ein EMS oder Fertigungsstandort benötigt eindeutige Produktidentität, relevante Empfindlichkeitsdaten, Verpackungsstatus und Änderungsinformation. Ein allgemeiner Satz wie „ESD-sensitive parts“ ist zu unspezifisch, wenn unterschiedliche Produkte oder Revisionen verschiedene Schutzbedarfe besitzen.

In mehrstufigen Lieferketten Datenverlust zwischen Komponentenlieferant, EMS, Tier-1 und OEM vermeiden

Gerade in Automotive- und EMS-Ketten können Bauteildaten an mehreren Unternehmensgrenzen weitergegeben werden. ESD-Check trennt dabei Komponentenqualifikation, Fertigungs-ESD und kundenspezifische Anforderungen. HBM/CDM-Information bleibt als Produktdatum erhalten und wird nicht durch einen allgemeinen Audit- oder Zertifikatsnachweis ersetzt.

Change-Trigger mit Produktakte und Prozessfreigabe verbinden

Neue Revision, Second Source, Package-Wechsel, neue Herstellerinformation oder geänderte Empfindlichkeitsdaten lösen eine Betroffenheitsprüfung aus. Dabei wird entschieden, welche Risikoanalysen, Fertigungsfreigaben, Verpackungen, Lieferantenvorgaben oder Kundeninformationen tatsächlich aktualisiert werden müssen.

  1. betroffene Teilenummer und Revision identifizieren.
  2. alte und neue HBM-/CDM-Daten samt Quelle vergleichen.
  3. Package, Lieferform und offene Produktzustände prüfen.
  4. betroffene Fertigungs-, Test-, Verpackungs- und Serviceprozesse bestimmen.
  5. Lieferanten- und Kundenanforderungen auf Freigabepflicht prüfen.
  6. notwendige Requalifikation oder Dokumentenupdates freigeben.
  7. neuen Stand in Produktakte und operative Systeme übernehmen.

Datenqualität auditierbar machen

Ein Auditor oder interner Reviewer sollte nachvollziehen können, welche ESD-Daten für eine konkrete Teilenummer verwendet werden, woher sie stammen, welchen Stand sie haben und wie Änderungen behandelt werden. Eine unreferenzierte Zahl in einer Excel-Liste ohne Quelle ist deshalb kein belastbarer Datenlenkungsprozess.

Praxisfall: pin-kompatibler Second Source mit fehlendem CDM-Wert

Ein Einkauf möchte einen alternativen IC freigeben. HBM ist dokumentiert, CDM fehlt im öffentlichen Datenblatt. Statt den Wert des Altteils zu übernehmen, wird die CDM-Information beim Lieferanten geklärt. Parallel werden Package, Lieferverpackung und betroffene Automationsschritte verglichen. Erst nach dokumentierter Bewertung wird entschieden, ob der bestehende Prozess unverändert weiterverwendet werden kann.

Häufige Fragen zu ESD-Empfindlichkeitsdaten im Datenblatt

Quellen und weiterführende Dokumente

Quellengeprüft

September 2026

Begriff

ESDS

ESDS sind elektrostatisch empfindliche Bauteile, Baugruppen und Geräte. Schutzbedarf aus Empfindlichkeitsdaten, Produktzustand und Entladungsszenarien ableiten.

Begriff

HBM

Das Human Body Model ist ein standardisiertes Device-Level-Prüfmodell für eine personenähnliche elektrostatische Entladung in ein Bauteil.

Begriff

CDM

Das Charged Device Model beschreibt die schnelle Entladung eines zuvor geladenen Bauteils und dient zur standardisierten Klassifizierung seiner CDM-Empfindlichkeit.

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