ESD-Lexikon

Themenwelt Bauteile, Schäden & Fehleranalyse

ESDS – elektrostatisch empfindliche Bauteile

ESDS bezeichnet ein Teil, das durch elektrostatische Entladung beschädigt oder beeinträchtigt werden kann. Ob und wie stark ein Produkt geschützt werden muss, folgt nicht aus Symbol oder Bauteilart allein, sondern aus belastbaren Empfindlichkeitsdaten wie HBM/CDM, dem konkreten Produktzustand und den tatsächlichen Handhabungs- und Entladungsszenarien.

Auch bekannt als: Electrostatic Discharge Sensitive, ESD-empfindliche Bauteile, ESD sensitive device

ESDS beschreibt die Empfindlichkeit eines konkreten Produkts

ESDS ist keine Aussage über eine komplette Produktklasse. Zwei äußerlich ähnliche Bauteile können durch Technologie, interne Schutzstrukturen, Gehäuse, Revision oder Herstellerprozess unterschiedliche Robustheit besitzen. Deshalb wird die konkrete Teilenummer und Revision betrachtet.

HBM- und CDM-Daten als getrennte Eingaben erfassen

Für viele elektronische Bauteile werden Empfindlichkeitsdaten anhand standardisierter HBM- und CDM-Prüfungen angegeben. Beide Modelle beschreiben unterschiedliche Belastungen und werden getrennt gelenkt. Fehlt eine Angabe, wird sie nicht durch eine angenommene Standardrobustheit ersetzt.

Typische Datenquellen für den ESDS-Schutzbedarf
QuelleNutzenGrenze
HerstellerdatenblattEmpfindlichkeit und Produktbezugnicht jedes Datenblatt enthält vollständige HBM-/CDM-Daten
Qualifikations-/PCN-DokumenteRevision, Testmodell und Änderung nachvollziehennur für den dokumentierten Scope gültig
Lieferanteninformationfehlende oder projektspezifische Daten klärenmuss eindeutig auf Teilenummer/Revision bezogen sein
eigene Qualifikationgezielte Daten für eigenen Scope gewinnenersetzt nicht automatisch Hersteller- oder Kundenanforderungen

Bauteilebene und Baugruppenebene unterscheiden

Die Empfindlichkeit eines einzelnen Halbleiters ist nicht identisch mit der Robustheit einer bestückten Baugruppe oder eines fertigen Geräts. On-board-Schutz, Verschaltung, zugängliche Anschlüsse und Gehäuse können reale Ereignisse verändern. Bauteilklassifizierung, Fertigungsschutz und Systemprüfung bleiben deshalb getrennte Ebenen.

Der Produktzustand entscheidet über die Schutzkette

Ein Bauteil kann im Originalträger, offen auf einem Arbeitsplatz, in einer Zuführung, auf einer Leiterplatte oder vollständig im Gerät unterschiedliche Expositionspfade besitzen. Die Schutzmaßnahmen werden an den Zustand gekoppelt, in dem empfindliche Anschlüsse tatsächlich zugänglich sind.

Unbekannte Empfindlichkeit nicht als Unempfindlichkeit behandeln

Fehlen verlässliche HBM-/CDM- oder Herstellerdaten, wird der Status als offene technische Information dokumentiert. Beschaffung, Entwicklung, Qualität oder Lieferant klären die Datenbasis; bis dahin wird kein weniger strenger Schutz allein aus fehlender Dokumentation abgeleitet.

Kennzeichnung unterstützt Kommunikation, ersetzt aber keine Daten

ESD-Symbole, Warnetiketten und Verpackungskennzeichnung helfen beim Erkennen empfindlicher Produkte. Sie belegen jedoch weder eine konkrete Empfindlichkeitsklasse noch die Eignung einer Verpackung oder eines Prozesses.

Produkt- und Lieferantenänderungen auf ESD-Relevanz prüfen

Die Empfindlichkeit kann sich durch Die-Revision, Gehäuse, Fertigungsprozess, internen Schutz, Lieferantenwechsel oder Produktänderung verändern. Deshalb werden relevante PCNs, Revisionswechsel und Freigaben darauf geprüft, ob Empfindlichkeitsdaten oder Prozessschutz aktualisiert werden müssen.

Praxisfall: gleiche Funktion, neue Bauteilrevision

Ein IC wird funktionsgleich ersetzt. Statt die bisherige ESD-Einstufung ungeprüft zu übernehmen, werden Teilenummer, Revision, HBM/CDM-Angaben und relevante Lieferanteninformationen neu abgeglichen. Erst danach wird entschieden, ob bestehende Fertigungs-, Verpackungs- und Servicekontrollen unverändert ausreichen.

Praxisvertiefung

ESDS anhand konkreter Produktdaten steuern

ESDS ist eine prozessrelevante Klassifizierung, keine sichtbare Bauteileigenschaft. Teilenummer, Revision, Prüfmodell und bekannte Empfindlichkeit müssen entlang der gesamten Liefer- und Handhabungskette verfügbar bleiben.

Empfindlichkeit in Kontrollen übersetzen

Die niedrigste relevante Empfindlichkeit innerhalb eines Produkts oder Kits kann die gemeinsame Handhabung bestimmen. Fehlende Daten werden als Unsicherheit behandelt und gezielt geklärt, statt automatisch Robustheit anzunehmen.

  • HBM- und CDM-Daten getrennt dokumentieren
  • Offene Anschlüsse und Prozesszustände identifizieren
  • Gemischte Baugruppen nach relevantem Risiko steuern
  • Produkt- und Lieferantenänderungen nachverfolgen

Häufige Fragen zu ESDS

Quellen und weiterführende Dokumente

Quellengeprüft

September 2026

Begriff

HBM

Das Human Body Model ist ein standardisiertes Device-Level-Prüfmodell für eine personenähnliche elektrostatische Entladung in ein Bauteil.

Begriff

CDM

Das Charged Device Model beschreibt die schnelle Entladung eines zuvor geladenen Bauteils und dient zur standardisierten Klassifizierung seiner CDM-Empfindlichkeit.

Ratgeber

HBM vs. CDM

HBM und CDM als unterschiedliche Device-Level-Prüfmodelle vergleichen und ihre Daten ohne falsche Spannungsumrechnung in Fertigung und Risikoanalyse nutzen.

Ratgeber

ESD-Empfindlichkeitsdaten im Datenblatt

HBM- und CDM-Daten korrekt lesen: Teilenummer und Revision zuordnen, Lieferantendaten prüfen und ESD-Empfindlichkeit in Risikoanalyse und Fertigung berücksichtigen.

Ratgeber

HBM-Prüfung von Bauteilen

Zweck, Ablaufprinzip und Aussagegrenzen der HBM-Device-Level-Prüfung nach ANSI/ESDA/JEDEC JS-001 einordnen.

Ratgeber

CDM-Prüfung von Bauteilen

Zweck, Ablaufprinzip und Aussagegrenzen der CDM-Device-Level-Prüfung nach ANSI/ESDA/JEDEC JS-002 einordnen.

Begriff

Latenter ESD-Schaden

Latente ESD-Schäden als mögliche Vorschädigung einordnen, ohne spätere Ausfälle vorschnell ESD zuzuschreiben.

Begriff

EOS

Electrical Overstress (EOS): elektrische Überbeanspruchung von Bauteilen. Unterschiede zu ESD, mögliche Schadensursachen und Grenzen der Fehleranalyse.

Ratgeber

Leiterplatten und ESD

Bestückte Leiterplatten über Fertigung, Materialfluss, Prüfung, Rework, Lagerung, Transport und Service ESD-sicher handhaben.

Ratgeber

ESD-Risikoanalyse

ESD-Risiken entlang realer Produkt- und Prozesswege bewerten. Schutzpfade mit Evidenz prüfen und Maßnahmen, Verifikation und Änderungen in einer Risikomatrix steuern.

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